06.07.2002 Romed Mungenast vom Jenischen Kulturverband:
"Verschiedenheit und Andersartigkeit als Bereicherung"
Romed Mungenast
vom Jenischen Kulturverein in Tirol ist jenischer Dichter, der sich seit
Jahren der jenischen Volksgruppe widmet und für die Anerkennung der
Volksgruppe einsetzt. Mungenast spricht über die aktuelle Situation der
Jenischen und Zukunftsperspektiven für die Volksgruppe.
Sehr
geehrter Herr Mungenast, dass es Jenische in Österreich gibt, ist wenigen
Menschen bekannt. Von manchen werden die Jenischen auch als Karrner,
Dörcher oder Laninger bezeichnet. Wie definieren Sie sich
selbst?
Als
Jenischer
In der Juni-Ausgabe der Zeitschrift "Romano Centro"
steht folgendes: "Wir haben einen Freund. Er ist kein Rom, aber auch kein
Gadscho [...]". Als was fühlen Sie sich?
Bikulturell aufgewachsen, als Wanderer
zwischen beiden Welten, stärker ist aber der Zigeuner in
mir.
Die Geschichte der Jenischen ist eine traurige, geprägt von
Vertreibung und Ausgrenzung. Von den Nazis wurden die Jenischen als
"Asoziale" bezeichnet und wegen ihrer Lebensweise verfolgt. Aber auch nach
dem Ende des nationalsozialistischen Regimes hielt die Diskriminierung der
Jenischen an. Gibt es seitens der Gesellschaft bzw. der Politik ernsthafte
Versuche, sich der Geschichte zu stellen und zu einer Entschädigung für
zugefügtes Unrecht zu kommen?
Da geht
es nicht um eine Gewissensberuhigung durch ein paar Almosen, wie etwa so
nobel formulierte "Wiedergutmachung". Es geht mir darum, ein Klima in der
Gesellschaft zu erreichen, wo Verschiedenheit und Andersartigkeit als
Bereicherung empfunden werden und nicht als gegenseitige Bedrohung. Die
Politik arbeitet derzeit fast überall trendgemäß
kontraproduktiv.
Letztes Jahr wurde in Tirol der "Jenische
Kulturverband" - der erste jenische Verein in Österreich - gegründet.
Welches sind die wichtigsten Ziele des Verbandes?
Erreichung der verfassungsmäßigen
Anerkennung der Jenischen, Bekämpfung von Diskriminierung, breite
Information über die jenische Kultur und Geschichte unter der
nichtjenischen Bevölkerung in Österreich, um ein besseres gegenseitiges
Verständnis der gemeinsamen Geschichte und der jeweils anderen Kultur zu
erreichen.
Das wohl größte Problem der Jenischen ist es,
dass Schweigen zu brechen und sagen zu können: "Ich bin ein Jenischer".
Sie haben dies getan und befassen sich seit Jahren mit dem Jenischen.
Welches war ihre Motivation, sich dem Jenischen intensiv zu widmen und
welche Schritte wären notwendig, um den Jenischen ihr Selbstbewusstsein
wieder zu geben, damit die Volksgruppe weiter bestehen kann?
Die
Eugeniker und noch schlimmer die Psychiater haben den Jenischen seit
Beginn des 20. Jahrhunderts stets eine erbmäßige Minderwertigkeit
attestiert. Die Nichtsesshaftigkeit wurde als Geisteskrankheit bezeichnet.
Wenn einem das von Kindheit auf eingeredet wird, glaubt man es irgendwann
vielleicht selber. Das hat viele Jenische zur Selbstverleugnung geführt.
Jene aber, die an der generationenlangen gesellschaftlichen
Diskriminierung nicht zerbrochen sind, begehren auf.
Als
jenischer Dichter kommt Ihnen als Erhalter ihrer Sprache eine besondere
Rolle zu. Welches sind die Charakteristika Ihre Sprache und die
Besonderheiten Ihrer Literatur? Was wollen sie mit ihren Gedichten
vermitteln und wie reagieren die Menschen auf ihre Literatur?
Das
Jenische, bzw. dessen Dialekte, werden von vielen Jenischen in ganz Europa
noch gesprochen. Im Jenischen fehlen die abstrakten Begriffe, deshalb ist
man gezwungen - vor allem als Schreiber - Umschreibungen zu machen und
Geschichten zu erzählen. Nicht nur Zigeuner sind Ausgegrenzte, sondern
auch andere Gruppen, wie Behinderte, Ausländer, Süchtige usw. Davon
handelt meine Lyrik. Ich will allen meine Stimme geben. Und man hört mir
zu!
Medien sind ein wichtiges Element zur Erhaltung bzw.
Förderung von Volksgruppen. Für kleine bzw. in Streusiedlungen lebenden
Gruppen scheint das Internet von immer größere Bedeutung zu werden, da
dieses Medium bisher unbekannte Möglichkeiten der Vernetzung bietet. Gilt
dies Ihrer Meinung nach auch für die Jenischen in Österreich, gelingt es
Ihnen die Mitglieder der Volksgruppe dadurch besser zu erreichen und gibt
es Versuche zur Vernetzung mit Jenischen in anderen Ländern
Europas?
Für
Computer und Internet gibt es nicht einmal ein Wort im Jenischen. Trotzdem
wird es fleißig von den Jenischen genutzt. Allerdings wird auch einiger
Mist von oft selbsternannten Experten über uns darin verbreitet. Aber eben
auch so positive und nützliche Information wie dieses
Interview.