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Thomas
Huonker
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Brief über Romedius Mungenast

Brief über Romedius Mungenast

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist mir eine Sache der inneren Verpflichtung und der nüchternen historischen Einschätzung, zu den Verdiensten von Romedius Mungenast Folgendes zu sagen:

Romedius Mungenast hat als Kind von Tiroler Jenischen und als Rangierarbeiter bei der Bundesbahn die österreichische Gesellschaft vom unteren und äußeren Rand her kennen gelernt.

Als wissbegieriger Schüler, als Gewerkschafter, als zutiefst demokratisch und menschenrechtlich orientiertes einfaches Mitglied der Zivilgesellschaft hat er, allerdings unter gesundheitlicher Beeinträchtigung, seinen ganz persönlichen, aber auch gesamtgesellschaftlich bedeutsamen Weg gefunden, zur Bildung, zur kulturellen Wahrnehmung und zum gegenseitigen multikulturellen Respekt in der Republik Österreich einen gewichtigen, subtilen, humorvollen und sehr ernst zu nehmenden Beitrag zu leisten.

Nicht nur die österreichischen Jenischen, sondern die Jenischen in ganz Europa befinden sich auf einem ebenso hoffnungsvollen wie dornenvollen Weg hin zu einer allerorts gleichberechtigten und anerkannten Existenz als respektierte Volksgruppe. Einer Volksgruppe mit eigener Kultur, eigener Sprache und eigener Geschichte allzu oft und allzu lange eine bittere Geschichte der Ausgrenzung und Verfolgung bis hin zum Genozid.

Romedius Mungenast ist als Wahrer der Traditionen seiner Gruppe und als Vermittler zwischen Minderheit und Mehrheit hingestanden und hat sich und seine lange verfemte, von ideologischen und wissenschaftlichen Konstrukten übler Herkunft schlecht gemachter Kultur bescheiden, aber auch stolz präsentiert und gezeigt. Er tat dies auch in umkämpften Positionen und gegenüber gehässigen Anfeindungen in einer Weise, die ihm allseitig und verdientermaßen bleibende Achtung und Respekt eingetragen hat.

Viele aus seiner Gruppe hat er als Vorbild ermutigt, ebenfalls für die gemeinsame Sache einzustehen. In seiner warmherzigen, freigebigen und spontanen Art, die immer wieder auch in abweisenden Haltungen fest gefrorene Herzen aufzutauen und für die Sache der Jenischen, aber auch anderer Minderheiten und Außenseiter, zu erwärmen vermochte, konnte Romedius Mungenast sowohl Schüler wie Senioren, sowohl bildungsferne Schichten wie Akademiker ansprechen und ins Gespräch ziehen.

Die akribische Sammel- und Dokumentationstätigkeit von Romedius Mungenast zur Sprache, Kultur, Geschichte, Verfolgung, wissenschaftlichen Darstellung und Gegenwart der Jenischen gab seinen jenischen Freunden im In- und Ausland, aber auch Lehrenden, Kunstschaffenden, politisch und sozial Tätigen sowie Forschenden immer neue und wichtige Anstöße und Hilfestellungen. Manche akademische Arbeit verdankt dem immensen Wissen und dem allabendlich aus den in Bahnwaggons liegengebliebenen Drucksachen zusammengetragenen reichhaltigen Archivmaterial von Romedius Mungenast den ersten Anstoß, wichtige Aspekte, kritische Hinweise, interessante Details oder den letzen Schliff. Das gilt auch für viele meiner Arbeiten. Seine Vernetzungs- und Sammeltätigkeit geht wie könnte es für einen Jenischen anders sein weit über Österreich hinaus und erstreckt sich auch nach Deutschland, in die Schweiz und nach Italien. Die Gedichte, Betrachtungen und Aufsätze von Romedius Mungenast sind ein ebenso bleibender Beitrag an den kulturellen Reichtum in der Republik Österreich wie seine Impulsarbeit für die Errichtung eines Archivs und Zentrums für die jenische Geschichte und Kultur in Landeck.

Mit den besten Wünschen und Empfehlungen und mit freundlichen Grüßen,

Thomas Huonker




Dieser Brief aus dem Jahr 2004 war Bestandteil der Eingabe an den österreichischen Bundespräsidenten, Romed Mungenast die Ehrenprofessur zu verleihen. Er ist abgedruckt in dem 2007 zur Würdigung von Leben und Werk von Prof. Romed Mungenast erschienenen Bändchen: Romed Mungenast - Eisenbahner, Dichter, Forscher und Aktivist. Reihe Tiroler Identitäten, herausgegeben von Martin Kolozs, Kyrene Verlag, Innsbruck 2007 (ISBN 978 - 3 - 900009 - 22 - 9)
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