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Muscionicos italienischer
Großvater hat als Zwölfjähriger am Zürcher Hauptbahnhof Fahrräder
geputzt, um die Familie zu unterstützen, und irgendwie ist
Muscionico diesem Erbe verbunden geblieben auf seinem Weg, der ganz
unten anfing mit einer Lehre an der Zürcher Kunstgewerbeschule und
ersten Einsätzen beim "Werdenberger und Obertoggenburger", wo er
alles fotografierte "vom Jodelverein bis zum Bauern mit der größten
Sau im Bezirk".
Seit seinem Umzug nach New York 1988 hat
Muscionico nicht nur Weltgeschichte festgehalten an der Seite von
Nelson Mandela, Bill Clinton und Vaclav Havel (wofür er mit dem
World Press Award ausgezeichnet wurde), er hat stets und auf
frappierende Weise ein Licht auf Personen, Ereignisse und Momente
geworfen, die den Betrachter seiner Bilder prägen - oft für immer.
Ob es um Umweltkatastrophen in Rumänien, Kuwait oder Bangladesh ging
oder eine Reise mit V. S. Naipaul durch den amerikanischen Süden, ob
bei archaischen Kondor-Ritualen der Inkas in den peruanischen Anden
(die demnächst beim italienischen Verlag Motta als Buch erscheinen),
ob bei Bürgerkriegen und Genoziden in Bosnien, Nordirland und
Ruanda, immer folgt Muscionico seiner Überzeugung, dass "ein Bild
oft die einzige Chance ist, dem Schmerz der Menschen einen Sinn zu
geben".
Doch, er schläft natürlich, wenngleich nicht
regelmäßig und meistens nicht lange. Es gibt einfach zuviel zu tun.
Mit dem Rapmusiker Ice-T arbeitet er an einem Buch und nach zehn
Jahren pausenloser Hatz durch die Welt will er sich künftig noch
mehr den Schattenseiten Amerikas widmen, seiner Wahlheimat, die
zerrissen ist von Gegensätzen, gespalten zwischen Mythos und
Wirklichkeit, und die er gerne "ein Paradies in Ruinen" nennt. Sich
auf das Fotografieren von schönen Frauen und Sonnenuntergängen
zurückzuziehen ("was ich mir mal vorgenommen hatte"), wird ihm wohl
nie gelingen. Es wäre in seinem Sinn auch nichts Gescheites.
"Fotografie", sagt Tomas Muscionico, Fanatiker der Wahrheit,
Getriebener des Lebens, "lässt Dich die Welt sehen, statt sie bloss
anzuschauen. Und wenn wir sie sehen, beginnen wir auch, uns selber
zu verstehen."
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